Liebreizende Christel als treibende Kraft

                                                Operette "Der Vogelhändler" im Amphitheater

Hanau. Dafür, dass der promovierte Jurist eigentlich nur so nebenbei, aus reiner Liebhaberei komponierte, stehen die Bühnenwerke von Carl Zeller erstaunlich ebenbürtig in der Reihe der klassischen Wiener Operette. Bis heute sind die Melodien wie "Schenkt man sich Rosen in Tirol" oder "Ich bin die Christel von der Post" beliebt und erhielten auch bei der Aufführung im Amphitheater eigens Szenenapplaus. Rund 900 Besucher waren vom Gastspiel der Freilichtbühnen aus Altusried mit Volker Bengl in der Titelrolle des "Vogelhändlers" begeistert und zollten den lustigen Liebesverwicklungen dieser Operette großen Beifall.

In Zellers erfolgreichstem Werk, das 1891 im Theater an der Wien Premiere feierte, schlüpft so manche Figur in eine andere Rolle: Des Geldes wegen ergreift der abgebrannte Stanislaus, der Neffe des Barons, die Gelegenheit und gibt sich als Kurfürst aus, der mit dem Inhalt der Gemeindekasse über die Wilddieberei der Dorfbewohner hinwegsehen soll.

Die Kurfürstin wiederum verkleidet sich als Bauernmädchen Marie, um ihrem Gatten treuemäßig auf den Zahn zu fühlen. Und der Tiroler Vogelhändler Adam und seine Verlobte Christel werden bei diesem Verwirrspiel derart in Eifersüchteleien verstrickt, dass beinahe die falschen Paare vor dem Traualtar landen. Glücklicherweise lösen eine gesunde Portion Beherztheit und gebündelte Frauenpower die Missverständnisse auf.

Postbotin radelt auf die Bühne

Mit dem Minsk Orchestra unter der musikalischen Leitung von Wilhelm Keitel war es eine unterhaltsame, in der Regie und Dialogfassung von Anette Leistenschneider zum Teil geraffte Darbietung, in der Volker Bengl die Titelrolle adäquat besetzte. Der Tenor, der unter anderem bei Rudolf Schock studierte, gastiert an den wichtigsten Häusern, wie der Dresdner Semperoper, der Deutschen Oper Berlin und der Volksoper Wien. Im deutschen Fernsehen ist der Operntenor gern gesehener Gast bei volkstümlichen Sendungen. Auf seinen diversen Soloalben zollt er den Opernarien, dem Kunstlied und nicht zuletzt dem deutschen Volkslied seinen Tribut.

Bengl gab den charmanten und erfrischenden Vogelhändler Adam, leichtfüßig und vielseitig im Gesang, wie er mit seiner Auftaktarie in den Publikumsreihen oder auch dem Lied "Wie mein Ahndl 20 Jahr'" zur Solo-Zitherbegleitung (Willi Huber) bewies. "Kämpfe nie mit Frau'n" Ihm zur Seite stand eine liebreizende Christel (Wiebke Renner), die mit ihrem klaren, beweglichen Sopran die Soubretten-Rolle bestens ausführte. Sie ist in der Operette die treibende Kraft: Nachdem die Postbotin fesch ins Amphitheater geradelt ist, bittet sie beim (falschen) Kurfürsten um eine profitable Anstellung für ihren Adam, entlarvt zudem den Schwindler Stanislaus (Joseph Schnurr) und setzt sich entschlossen gegen eine Heirat mit ihm zur Wehr. So hat Zeller seiner Operette eine Moral beigefügt, die am Ende von Männern wie Frauen besungen wird: "Kämpfe nie mit Frau'n, leicht wirst du gehau'n". Herausragend zeigten sich zudem Hofdame Adelaide (Anneka Ulmer), für die und deren Millionen sich Baron Weps (Gerard Hulka) trotz seiner Feststellung "jünger könnte sie sein, aber kaum älter" dann doch erwärmt, sowie der Dorfschulze Schneck, munter gespielt von Patrizio Saudelli, der eine gern gehörte Stimme in der Mailänder Scala sowie der Opernhäuser Roms, Paris und Tokios ist.

Für das Publikum, das bei den "Rosen in Tirol", die das Bauernmädchen alias Kurfürstin (Kathrin Frey) dem Vogelhändler schenkt, oder bei "Ich bin der Prodekan" der beiden kurzfristig ernannten Prüfungskommissare (Pawel Faust und Joachim Herrmann) bereits ins Mitsummen geriet, hatte Volker Bengl eine kleine Aufgabe.

In der Pause probte er mit den Besuchern im Amphitheater das deutsche Volkslied "Kein schöner Land in dieser Zeit", das dann zusammen mit dem Orchester und allen Mitwirkenden die gelungene Vorstellung beschloss.

Esther George (HA/top)

Kritken                                                                 Mit freundlicher Genehmigung vom Hanauer Anzeiger