Knallbunte Wundertüte

 

Operette Dem „Weißen Rössl“ auf der Altusrieder Freilichtbühne hat Regisseur Anatol Preissler einen frech-frivolen Anstrich mit krachlederner Erotik verpasst. Die Sänger liefern eine tolle Leistung ab

VON MICHAEL DUMLER

Altusried „Im weißen Rössl“ ist was los: „Wo geht denn hier die Post ab?“, fragt Urlauberin Ottilie und sprintet lüstern einem Ober hinterher.

Kaum angekommen hat Stammgast Dr. Siedler nichts Besseres im Sinn, als beim Fensterln der Wirtin den Hof zu machen. Und am Pool reißen sich das lispelnde Klärchen und der schöne Sigismund die Kleider vom Leib, entern in Badeanzügen eine Gummiboot-Insel und kommen sich darauf turnend näher.

Knallbunt, spritzig und frivol ist die Inszenierung der Operette „Im weißen Rössl“, die nun Premiere auf der Altusrieder Freilichtbühne feierte und bis zum 17. August zu sehen ist.

Sind die Zeiten schlecht, flüchten sich die Menschen gern in heile Welten. Als das Singspiel „Im weißen Rössl“ am 8. November 1930 in Berlin uraufgeführt wird, hat die Weltwirtschaftskrise das Land im Griff. Fünf Millionen Arbeitslose, kein Aufschwung in Sicht. Zwei Millionen strömen dennoch ins Große Schauspielhaus. Abstrus ist zwar die Lustspiel-Handlung um das Hotel „Weißes Rössl“ in Sankt Wolfgang im österreichischen Salzkammergut. Doch die Musik setzt sich in den Gehörgängen fest. In Berlin wie später in London, Paris, New York.

„Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“, stimmt der verliebte Zahlkellner Leopold an.

„Wenn das Stubnmadl nicht zum Anbeißen ist, taugt das ganze Hotel nichts.“ (Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber)

Viele der rund 1500 Altusrieder Premierenbesucher singen mit oder summen die Melodie von Ralph Benatzky. Aber auch bei anderen Hits ist das so, etwa bei „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ von Robert Gilbert oder "Zuschau’n kann i net“ von Bruno Granichstaedten. Das „Rössl“ ist eine musikalische Wundertüte, die auch in Altusried ihre Wirkung zeigt.

Der künstlerische und musikalische Leiter Wilhelm Keitel bietet ein stimmiges Ensemble auf: Malte Arkona gibt einen umwerfenden Leopold: hell und klar sein Tenor, frisch sein Spiel. Auch die anderen Sänger – Volker Bengl (Dr. Siedler) und Tobias Wall (Sigismund) – haben starke Auftritte. Glänzend und souverän (auch in den Duetten) die Soprane von Kathrin von Sauter (Wirtin) und Iva Schell (Ottilie). Komödiantisches Talent beweist Mariel Ann Keitel als Klärchen. Herrlich schnoddrig gibt Schauspieler Walter Renneisen den cholerischen Berliner Fabrikanten Dr. Giesecke. Bei seinen markigen Auftritten lacht so manches Herz auf der Tribüne. Dass sie alle akustisch besser als früher zur Geltung kommen, dafür sorgt ein neuartiges Sound-System auf der Naturbühne. Diese Ausgabe hat sich rentiert.

Regisseur Anatol Preissler hat das „Weiße Rössl“ mit kräftigen Farbstrichen versehen. Nach holprigem Beginn („Auf der Alm, da gibt’s koi Sünd“) nimmt seine Inszenierung, die Altes und Neues wild verknüpft, schnell Fahrt auf.

Acht quietschbunte Zwerge kommentieren wie ein Chor in antiken Dramen das turbulente Geschehen von der Badeanstalt aus und übersetzen etwa Berlinerisches (Buletten) ins Allgäuerische (Fleischkiachle).

Krachlederne Erotik bietet ein Melkerinnen-Ballett: In grün-glänzenden Hot Pants und mit blonden Zöpfen und umgehängten Melk-Schemeln sorgen die Tänzerinnen für Heiterkeit.

Romantisch dagegen: Während Volker Bengl auf dem Balkon die aus dem Turmzimmer schauende Iva Schell anhimmelt und „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ von Robert Stolz singt, tanzt unten auf der Bühne ein junges, ähnlich gekleidetes Paar.

Später animiert das Ensemble mit dem volkstümlichen Hit „Rock mi“ das Publikum zum Mitklatschen.

Wilhelm Keitel, der auf der Bühne unter zwei Zeltdächern das Orchester der Nationalen Akademischen Bolschoi Oper- und Ballett-Musik Minsk dirigiert, betont das Revuehafte der Vorlage. Bläser sorgen für eine schmissige, jazzige Note. Überzeugend auch der Chor-Gesang, an dem ein Allgäuer Ensemble unter Leitung von Gertrud Hiemer-Haslach beteiligt ist.

So gibt es für den von 120 Mitwirkenden aufgetischten optischen und akustischen Spaß am Ende stürmischen Applaus.

Kritiken                                                                               Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung